Wohnen Begleitungs-Konzept

Die Stiftung St. Beatus versteht sich vor allem als Lebens-Raum, der auch Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Die derzeit 22 BewohnerInnen wohnen in Einzelzimmern in einer von drei Wohngruppen in zwei Häusern der Institution. Art und Intensität der Begleitung sowie die Gestaltung des Lebensumfeldes und der Abläufe orientieren sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Bewohnenden und beziehen milieutherapeutische Gesichtspunkte mit ein. Bei Bedarf richtet die Stiftung (im Rahmen der bewilligten Plätze) begleitete Aussenwohnungen ein und unterhält eine „Lernwohnung“ für Wohntrainingszwecke. Es besteht ein Nachtpikettdienst. Austretenden BewohnerInnen bietet die Stiftung – wo nötig und sinnvoll – eine individuell zu vereinbarende Nachbetreuung an.
Wechsel zwischen den Wohngruppen bzw. Wohnformen sind möglich. Bewohnende haben jederzeit das Recht, einen Wechsel zu beantragen; sie können dies bei der Bezugsperson, in einem Zukunftsplanungsgespräch, bei der/dem zuständigeN TeamleiterIn oder auch beim Institutionsleiter tun. Der Antrag wird in dem/den betroffenen TeamS vorbesprochen und in der Leitungs-Sitzung behandelt. Ausschlaggebend sind individuelle wie betriebliche Gesichtspunkte. Der Entscheid wird dem/der antragstellenden BewohnerIn von der Bezugsperson mitgeteilt und begründet. Der Anstoss kann auch von der Institution ausgehen (Bezugsperson, Wohngruppenteam, Institutionsleitung); Wechsel aus rein betrieblichen Notwendigkeiten bilden die Ausnahme.
Die Autonomie unserer BewohnerInnen hat für uns einen hohen Stellenwert. Freie Arzt- und Therapeutenwahl ist in der Stiftung St. Beatus eine Selbstverständlichkeit; die Mobilität unserer BewohnerInnen wird grundsätzlich nicht eingeschränkt. Bei Unstimmigkeiten, Zweifeln und Fragen können sich BewohnerInnen der Stiftung jederzeit an die interne Meldestelle für ausserordentliche Vorfälle, in Konfliktfällen auch an die Ombudsstelle für Alters-, Betreuungs- und Heimfragen des Kantons Bern wenden.
In Krisensituationen wird die Begleitung den sich verändernden Bedürfnissen laufend angepasst und soweit nötig und möglich intensiviert. In ausserordentlichen Standort-Bestimmungen wird das unterstützende Umfeld noch enger eingebunden. Für den Umgang mit Notsituationen besteht ein Konzept, in dem auch die Abläufe geregelt sind, die zu einer allfälligen Einweisung in eine psychiatrische Klinik führen.

Wohngruppe Venus
Die Wohngruppe Venus verfügt über bis zu sechs Plätze für psychisch beeinträchtigte erwachsene Menschen mit zum Teil leichteren kognitiven Einschränkungen. Sie versteht sich als ein bewusst niederschwelliges Angebot. Voraussetzung einer Aufnahme ist ein Mindestmass an Selbstständigkeit in lebenspraktischen Verrichtungen vor allem in der Körperpflege. Wir erwarten eine minimale Absprachefähigkeit und -bereitschaft von unseren Bewohnenden. Zudem müssen sie bereit und fähig sein, mit Menschen zusammenzuleben, die zum Teil kommunikationsgehemmt, antriebsarm und/oder schwankenden Stimmungen unterworfen sind.
Wir bieten unseren BewohnerInnen einen Raum, in dem sie sich in einer geschützten Umgebung wohl und daheim fühlen können. In einem Halt gebenden, rhythmisch strukturierten Alltag besteht jederzeit die Möglichkeit, sich seinen Bedürfnissen entsprechend auch zurückzuziehen. So bieten wir unseren Bewohnenden eine Atmosphäre, die ihnen Sicherheit vermittelt. Wir ermutigen sie, sich in ihrem eigenen Tempo mit ihren persönlichen Ressourcen und Fähigkeiten in das alltägliche Zusammenleben einzubringen und daran zu beteiligen.
Art der BegleitungDie Begleitung der Venus-Bewohnenden erfordert ein hohes Mass an Empathie und Wertschätzung. Wir begegnen ihnen mit Achtsamkeit und achten auf eine gesunde Balance zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz.
Individuelle Begleitung, Unterstützung und FörderungIn unserer individuellen Begleitarbeit begegnen wir den Menschen, wie sie sind. Trotz ihrer krankheitsbedingten Einschränkungen sehen wir in ihnen keine „Patientinnen“, sondern erwachsene Gegenüber. Hauptaufgabe ist, sie zu motivieren, ihnen mit aktivierendem Zuspruch und immer wieder neu aufrichtender Zuwendung zu begegnen. Wir regen sie dazu an, sich bewusster wahrzunehmen und sich in ihrem Sosein zu akzeptieren. Es gilt, Entwicklungsschritte der Bewohnenden und Fortschritte auf dem Weg zu mehr Autonomie wach zu beobachten, zu begleiten, entsprechende Freiräume zu öffnen und für sie wahrnehmbar zu machen. Wir helfen ihnen, Entscheidungen zu treffen. Wir führen ihnen mögliche Konsequenzen ihres Handelns – aber auch Nicht-Handelns – vor Augen und fordern sie auf, zunehmend auch auf Bedürfnisse, Empfindlichkeiten und Begrenzungen anderer zu achten.
SozialprozesseDie sozialen Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeiten unserer Bewohnenden sind begrenzt. Viele unserer BewohnerInnen haben Schwierigkeiten, soziale Kontakte zu pflegen. In Krisen und bei Konfrontationen werden die Probleme noch deutlicher. Das soziale Leben auf unserer Wohngruppe entsteht nicht von alleine. Geduldig öffnen und gestalten wir einen Raum, in denen die Bewohnenden aus sich heraus kommen und sich auf einander zu bewegen können. Wir weisen sie auf Regeln des Zusammenlebens hin und ermutigen sie, sich daran zu orientieren. Gemeinsame Mahlzeiten geben dazu ebenso Gelegenheit, wie gemeinsames Kochen an mindestens einem Abend pro Woche, der gemeinsame Putznachmittag sowie lockere Angebote wie regelmässige Gruppen-„Höcks“ bzw. -„Stammtische“.

Wohngruppe Sonne
Die Wohngruppe Sonne verfügt über bis zu acht Plätze für psychisch beeinträchtigte erwachsene Menschen. Ein bis zwei Bewohnenden bietet sie eine Aussenwohnung an. Das Leben auf der „Sonne“ erfordert ein gewisses Mass an Selbstständigkeit. Das heisst: weitgehend selbstständige Körperpflege, Einhalten der Tagesstruktur sowie die Fähigkeit, sich zeitweilig selbstständig zu beschäftigen. Zudem die Bereitschaft, sich in die Gruppe einzufügen, mitzutragen und auch – gemäss den individuellen Möglichkeiten – Verantwortung zu übernehmen. Bewohnende sollten eigene Bedürfnisse erkennen und sich bei den Begleitenden die notwendige Unterstützung organisieren können. Sie müssen grundsätzlich fähig sein, sich an Absprachen zu halten.
Der Sonnen-Gruppe ist eine gemütliche Atmosphäre sehr wichtig. Sie pflegt einen möglichst ungezwungenen und humorvollen Umgang miteinander. Die Gruppen-Mitglieder unterstützen sich gegenseitig. Die Gruppe bietet einen geschützten Raum, in dem jedeR als Individuum respektiert und anerkannt wird. JedeR bringt seine/ihre Fähigkeiten in die Gruppe ein und trägt so zum Wohl der Gemeinschaft bei. Die Bewohnenden nehmen sich als Teil der Gruppe wahr, pflegen jedoch auch individuelle Hobbys und Kontakte. Die Rückzugsmöglichkeiten und „Inseln“ jeder/jedes Einzelnen werden respektiert. Das gemeinsame Essen ist allen sehr wichtig und bildet so etwas wie den „Mittelpunkt“ des Gruppenlebens. Gäste sind – nach Absprache in der Gruppe – herzlich willkommen.

Art der Begleitung
Die Begleitung der Sonne-Bewohnenden hat zwei Schwerpunkte: die Begleitung der Gruppenprozesse und die individuelle Begleitung in der Bezugspersonenarbeit.
Sozialprozesse

Die Teammitglieder begreifen sich als Teil der Wohn-Gemeinschaft und führen „von innen heraus“. Sie passen ihre Präsenz und die Intensität der Begleitung flexibel den jeweils aktuellen Bedürfnissen der Bewohnenden an. Sie bieten die jeweils notwendige Unterstützung, ohne allzu viel zu „bestimmen“. Die Arbeit hat vor allem Raum gebenden Charakter und unterstützt die Bewohnenden darin, ihr Zusammenleben weitgehend selbst zu gestalten.

Individuelle Bezugsarbeit
Die Bezugspersonen streben eine längerfristig tragfähige Beziehung an. Sie schaffen Gelegenheiten für persönlichen Austausch (gemeinsame Aktivitäten Bezugsperson/BewohnerIn). Sie unterstützen die Bewohnenden in deren Autonomiebestrebungen und fördern individuelle Aussenkontakte der Bewohnenden.

Aussenwohnung(en)
Bis zu zwei Bewohnenden bietet „Sonne“ die Möglichkeit, in ein bis zwei Aussenwohnungen zu leben. Die dort Wohnenden bleiben in die Tagesstruktur der Stiftung eingebunden. Das Team unterstützt sie dabei, ihre individuellen Ressourcen in folgenden Bereichen zu erhalten und auszubauen: – Planen und Zubereiten von Mahlzeiten- Wäscheversorgung- Reinigungsarbeiten- Aufbau und Pflege von sozialen Kontakten- Freizeitgestaltung- Umgang mit Medikamenten- Organisieren und Wahrnehmen von Terminen- Umgang mit Geld, Budgeteinhaltung.

Das Sonne-Team begleitet die Bewohnenden entsprechend derer Fähigkeiten und Bedürfnisse. Dies durch beratende Gespräche sowie Besuche und individuelles Anleiten und Begleiten vor Ort (Umfang: bis zu 7 Stunden/Woche). Während der Dienstzeiten der Gruppe Sonne sind die Team-Mitglieder für die Bewohnenden telefonisch erreichbar, nachts der Pikettdienst der Institution. Die Bewohnenden behalten ihre Bezugsperson und deren StellvertreterIn und können mit ihnen ihre persönlichen Angelegenheiten besprechen. Den Bewohnenden steht es frei, die Infrastruktur der Wohngruppe zu nutzen und – bei Bedarf – auch Mahlzeiten auf der Gruppe einzunehmen. In Krisen sucht die Stiftung nach Möglichkeiten, die Begleitung auszubauen oder Bewohnenden ein Zimmer auf dem Institutionsgelände anzubieten.

Wohngruppe Merkur
Die Wohngruppe Merkur verfügt über bis zu acht Plätze für psychisch beeinträchtigte erwachsene Menschen. Das Angebot ist gegliedert in eine Wohngruppe für bis zu fünf Bewohnende, die Möglichkeit einer teilautonomen Wohngemeinschaft im selben Haus mit bis zu drei Bewohnenden, zwei Studios mit eingebauter Küchenzeile und eine externe „Lernwohnung“ für eineN BewohnerIn im Dorf Sigriswil. Das Leben auf „Merkur“ erfordert ein höheres Mass an Eigenständigkeit. Das heisst: in der Regel selbstständiges Aufstehen am Morgen, selbstständige Körperpflege, Einhalten der Tagesstruktur sowie die Fähigkeit, seelische Schwierigkeiten für eine gewisse Zeit selber zu tragen. Bewohnende müssen grundsätzlich fähig sein, sich an Absprachen zu halten. Die Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten bedingt, sich auch mit praktischen Beiträgen daran zu beteiligen.

Das Angebot von „Merkur“ richtet sich an Menschen mit Einschränkungen aufgrund psychischer Erkrankungen mit einem gewissen Mass an Eigenständigkeit, das sie erweitern möchten. Für die Bewohnenden der Wohngruppe Merkur steht das Suchen nach individueller Gestaltung des eigenen Lebensraumes im Zentrum. Impulse, welche von den Bewohnenden selber kommen, werden aufgegriffen, unterstützt und begleitet. Wir sehen uns als Vermittler zwischen individuellen Zielen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Innerhalb der Wohngruppe Merkur bieten wir eine Übungssituation für Wohnen, Leben und soziale Kompetenzen. Hier kann der Einzelne erleben, welche Wohnform, welcher Begleitungsgrad gewünscht bzw. notwendig ist. Eigene Fähigkeiten, Wünsche und Ziele können in einem geschützten Raum geprüft und erprobt werden.
Art der BegleitungInnerhalb der beschriebenen Wohnformen werden die Bewohnenden darin begleitet,
1. ihren individuellen Lebensraum zu gestalten:- die eigenen Wohnräume zu gestalten und zu pflegen,- ein eigenes soziales Netzwerk zu erleben und zu ergreifen,- für eigene Interessen und Tätigkeiten initiativ zu werden.Die Teammitglieder stehen den Bewohnenden bei, um durch gemeinsames Handeln, geteiltes Wissen und auch aufzuzeigende Grenzen diese Räume zu definieren.
2. ihre eigene Kräfte und Fähigkeiten zu erschliessen.Die Teammitglieder versuchen, ein möglichst objektives Gegenüber zu sein, indem sie ehrlich und deutlich spiegeln, was ihnen sachlich und emotional begegnet. Gesprächsformen wie Zukunftsplanungs- und Bezugspersonengespräche bieten eine geeignete Form für diese Arbeit. Individuelle Impulse werden nach vorhandenen Möglichkeiten unterstützt und mitgetragen.
Grundhaltung und Arbeitsansatz:- Wir nehmen uns als Begleitende zunehmend zurück, lösen die Abhängigkeit von Begleitung auf, weisen auf die eigenen Kräfte und Ressourcen zurück.- Wir sind offen für die zentralen Fragen des Menschseins, nach dem Woher, Wohin und Warum unseres Daseins. Wir setzen uns selbst damit auseinander, versuchen das Schicksalhafte unseres Daseins zu beleuchten und regen das in unserem Gegenüber an. Im stufenweisen Erkennen liegt die Basis, um Verantwortung zu übernehmen und sich von einer Opferhaltung zu verabschieden.- Entwicklung findet nur statt, wenn die Menschen ihre Entwicklung selber in die Hand nehmen lernen. Darauf hinzuweisen, ist eine unserer Aufgaben.- Individuelle Ziele werden begrüsst und gefördert, Grenzen sind durch die gesellschaftlichen Zusammenhänge gesetzt. Dieses zu begreifen und sich in den Zusammenhang stellen zu lernen, ist uns ein Anliegen. Deshalb machen wir wo nötig auf Grenzen aufmerksam und treten für sie ein.- Das Interesse am DU kann sich nur entwickeln aus einer Erkenntnis der Zusammenhänge, in denen jeder selber drinnen steht. Wir versuchen, diese aufzuzeigen.- Unser Angebot ist individuell und wandlungsfähig. Rückmeldungen aus der Bezugspersonenarbeit fliessen in eine eventuelle Neuausrichtung mit ein.

„Lernwohnung“
Die Wohngruppe „Merkur“ bietet für einen Bewohnenden die Möglichkeit, in einer „Lernwohnung“ im nahen Dorf die bereits erprobte Eigenständigkeit weiter auszubauen und sich auf diesem Weg Erfahrungen im selbständigen Wohnen zu sammeln. Der/die Betreffende bleibt der Institution angeschlossen. Er/sie kann – sofern erwünscht oder notwendig – das Beschäftigungsangebot der Institution weiter nutzen. Begleitet wird er/sie nach individuell abgesprochenem Bedarf.